Villa Albert Rosskam – Vom Fabrikantenwohnsitz zum Kurhaus
20 Station 20 von 21
1922 ließ der Scherfeder Wollfabrikant Albert Rosskam (1872–1930) an der Briloner Straße 102 eine repräsentative Villa errichten. Der Berliner Architekt Fritz Fabian entwarf das schlossartige Gebäude im Stil der Reformarchitektur mit Walmdach, großzügiger Terrasse und weitläufigem Park.
Nach Rosskams Tod 1930 wurde das Anwesen für Kur- und Therapiezwecke genutzt. Anfang der 1950er-Jahre eröffnete der Arzt Dr. Heinrich Siepmann hier eine Kneipp-Kuranstalt. 1954 wurde die Villa erweitert und den Anforderungen des Kurbetriebs angepasst.
Bemerkenswert ist die weitgehend erhaltene Innenausstattung aus der Bauzeit. Das Gebäude erinnert an die bedeutende Unternehmerfamilie Rosskam und an Scherfedes Geschichte als Kurstandort. 2021 leitete die Stadt Warburg ein Denkmalschutzverfahren ein.
Die Villa und ihr Park gehören zu den eindrucksvollen Zeugnissen der Scherfeder Ortsgeschichte.
Mehr erfahren
Villa Albert Rosskam – Vom herrschaftlichen Wohnhaus zur Kuranstalt Dr. Siepmann
Ein außergewöhnliches Gebäude an der Briloner Straße
An der Briloner Straße 102 steht eines der eindrucksvollsten historischen Wohngebäude Scherfedes: die 1922 errichtete Villa des Wollfabrikanten Albert Rosskam (1872–1930).
Mit ihrer schlossartigen Erscheinung, dem großen Walmdach, der großzügigen Terrasse und dem weitläufigen Park erinnert sie an die wirtschaftliche Bedeutung der Scherfeder Wollfabrik.
Die Villa erzählt jedoch nicht nur die Geschichte einer Unternehmerfamilie. Nach dem Tod ihres Bauherrn entwickelte sich das Anwesen zu einem Ort für Kur- und Therapieangebote.
Besonders bekannt wurde es als Kneipp-Kuranstalt Dr. Siepmann.
Damit verbindet das Gebäude die Scherfeder Industriegeschichte mit einem bemerkenswerten Kapitel der regionalen Gesundheits- und Kurgeschichte.
Die Familie Rosskam – Unternehmer mit großer Bedeutung für Scherfede
Die Geschichte der Villa ist eng mit der Entwicklung der Scherfeder Wollfabrik verbunden.
Im Jahr 1863 gründeten der jüdische Kaufmann Levi Rosskam und der Scherfeder Lehrer Friedrich Böhlen die Wollfabrik.
Das Unternehmen stellte aus Textilresten wiederverwendbare Wollfasern her. Es entwickelte sich über die folgenden Jahrzehnte zu einem bedeutenden Industriebetrieb und Arbeitgeber.
Nach Levi Rosskam führten Angehörige der Familie das Unternehmen weiter.
Zu ihnen gehörte Elias Rosskam (1834–1899), der auch Mitglied des Scherfeder Gemeinderates war.
Sein Sohn Albert Rosskam übernahm später die unternehmerische Verantwortung. Ab 1909 leitete er die Wollfabrik faktisch allein.
Die wirtschaftliche Stellung der Familie spiegelte sich auch in ihren Wohnhäusern wider.
Bereits um 1885 hatte Elias Rosskam eine repräsentative Villa an der heutigen Briloner Straße 76 errichten lassen.
Mit dem Bau der neuen Villa an der Briloner Straße 102 entstand 1922 ein zweites bedeutendes Zeugnis der Scherfeder Unternehmergeschichte.
1922 – Albert Rosskam lässt eine neue Villa errichten
Nach dem Ersten Weltkrieg beauftragte Albert Rosskam den Berliner Architekten Fritz Fabian (1877–1967) mit der Planung eines großzügigen Wohnhauses.
1922 wurde die neue Villa fertiggestellt.
Der Bau entsprach dem gehobenen Wohnanspruch einer erfolgreichen Unternehmerfamilie.
Anders als die ältere Villa seines Vaters orientierte sich das neue Gebäude an der Reformarchitektur der 1920er-Jahre.
Diese Architektur bevorzugte klare Formen, ausgewogene Proportionen und eine zurückhaltende Fassadengestaltung.
Die Villa entstand in einem großen, parkartig gestalteten Grundstück und erhielt eine eindrucksvolle Erscheinung.
In historischen Beschreibungen wird sie deshalb auch als „Neue Villa“ bezeichnet.
Architektur – Repräsentatives Wohnen in den 1920er-Jahren
Die zweigeschossige Villa besitzt ein großes Walmdach und eine weitgehend symmetrische Fassadengestaltung.
Die Außenwände sind vergleichsweise schlicht gehalten.
Ein umlaufendes Stockwerksgesims gliedert die Fassade. Regelmäßig angeordnete Fenster mit Sprossen und Fensterläden prägen das Erscheinungsbild.
Auf der Südseite wurde dem Gebäude eine großzügige Terrasse vorgelagert.
Von dort öffnete sich der Blick in den weitläufigen Park.
Die Verbindung zwischen Wohnhaus, Terrasse und Garten war ein wesentliches Element der ursprünglichen Gestaltung.
Besonders bemerkenswert ist, dass große Teile der historischen Innenausstattung von 1922 erhalten geblieben sein sollen.
Damit besitzt die Villa nicht nur einen architektonischen, sondern auch einen kulturgeschichtlichen Wert.
Sie vermittelt einen Eindruck davon, wie wohlhabende Unternehmerfamilien in der Region zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten.
Fritz Fabian – Der Architekt der Villa
Der Architekt Fritz Fabian wurde am 2. April 1877 in Berlin geboren.
Er entwarf die Villa Rosskam im Stil der damaligen Reformarchitektur.
Seine eigene Lebensgeschichte ist ebenfalls bemerkenswert.
Fabian stammte aus einer jüdischen Familie. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde er in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.
Dort fertigte er unter anderem Aquarelle an, die heute als historische Zeugnisse dieser Zeit von Bedeutung sind.
Er überlebte die Verfolgung und lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz, wo er 1967 starb.
Damit verbindet sich mit der Scherfeder Villa auch die Lebensgeschichte eines Architekten, der später selbst Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurde.
1930 – Das Ende der Zeit als Fabrikantenvilla
Albert Rosskam starb im Jahr 1930.
Sein Tod fiel in eine wirtschaftlich schwierige Zeit.
Auch die Scherfeder Wollfabrik geriet in erhebliche Schwierigkeiten. 1931 kam es zum Konkurs und zu einer anschließenden Neuorganisation des Unternehmens.
Die Villa verlor ihre ursprüngliche Funktion als repräsentativer Wohnsitz des Fabrikanten.
In der Folgezeit wurde das Gebäude für Kur- und Therapiezwecke genutzt.
Damit begann ein neues Kapitel seiner Geschichte.
Vom Wohnhaus zur Kurklinik
Die großzügigen Räume und die Lage in einem weitläufigen Park boten gute Voraussetzungen für eine Nutzung als Kur- und Erholungseinrichtung.
Nach dem Tod Albert Rosskams entstanden hier Kur- und Therapieangebote.
Die genaue Abfolge der frühen Betreiber und Einrichtungen ist noch nicht vollständig dokumentiert.
Gesichert ist jedoch, dass die Villa nach dem Zweiten Weltkrieg als Kuranstalt Dr. Siepmann bekannt wurde.
Der Wechsel von der privaten Fabrikantenvilla zur Kureinrichtung zeigt, wie sich die Nutzung repräsentativer Gebäude im 20. Jahrhundert veränderte.
Dr. Heinrich Siepmann und die Kneipp-Kuranstalt
Eine zentrale Persönlichkeit dieses Kapitels war Dr. Heinrich Siepmann (1889–1955).
Der Arzt war in Bad Lippspringe tätig und bekleidete nach dem Wiederaufbau des Brüderkrankenhauses St. Josef in Paderborn einen Chefarztposten.
Anfang der 1950er-Jahre eröffnete er in Scherfede die Kneipp-Kuranstalt Dr. Siepmann.
Die Einrichtung knüpfte an die Tradition der Kneipp-Therapie an.
Diese geht auf Sebastian Kneipp (1821–1897) zurück und verbindet insbesondere Wasseranwendungen, Bewegung, Ernährung und eine gesundheitsbewusste Lebensweise.
Die ehemalige Fabrikantenvilla erhielt damit eine neue Bedeutung als Ort der Gesundheitsvorsorge und Erholung.
Die Geschichte der Kuranstalt ist ein bislang wenig beachteter Bestandteil der Scherfeder Ortsgeschichte.
1954 – Erweiterung für den Kurbetrieb
Im Jahr 1954 wurde die Villa baulich erweitert.
Der Anbau umfasste zwei zusätzliche Fensterachsen und wurde stilistisch an das vorhandene Gebäude angepasst.
Die Erweiterung stand im Zusammenhang mit der Nutzung als Kuranstalt.
Bemerkenswert ist, dass dabei die architektonische Gestaltung des ursprünglichen Gebäudes berücksichtigt wurde.
So blieb der Gesamteindruck der Villa trotz ihrer veränderten Nutzung weitgehend erhalten.
Der Umbau dokumentiert zugleich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung, die der Kurbetrieb in dieser Zeit hatte.
Der Park als Teil des historischen Ensembles
Zum Anwesen gehört ein großzügiger, parkartig gestalteter Garten.
Er war bereits bei der Errichtung der Villa ein wesentlicher Bestandteil des repräsentativen Wohnkonzepts.
Die große Südterrasse stellte eine direkte Verbindung zwischen dem Gebäude und den Außenanlagen her.
Später bot die Parkanlage auch für die Nutzung als Kur- und Erholungseinrichtung ein geeignetes Umfeld.
Für die historische Bewertung ist deshalb nicht nur das Gebäude selbst von Bedeutung.
Auch der Zusammenhang zwischen Villa, Terrasse, Garten und Landschaft gehört zur Geschichte des Anwesens.
Die Frage, in welchem Umfang die Parkanlage denkmalwürdig ist, wurde im Zusammenhang mit dem Denkmalschutzverfahren öffentlich diskutiert.
Denkmalschutz – Ein wichtiges Zeugnis der Baugeschichte
Am 9. März 2021 beschloss der Rat der Stadt Warburg, ein Verfahren zur Eintragung der Villa in die Denkmalliste einzuleiten.
Ausschlaggebend waren die besondere Architektur, die weitgehend erhaltene historische Innenausstattung und die Bedeutung des Gebäudes für die Scherfeder Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Die Villa dokumentiert das repräsentative Wohnen einer Unternehmerfamilie in den 1920er-Jahren.
Gleichzeitig bewahrt sie Spuren ihrer späteren Nutzung als Kuranstalt.
In der veröffentlichten Denkmallisten-Übersicht wird das Gebäude als „Villa A. Rosskam – Neue Villa“ geführt.
Das genaue Datum einer abschließenden Unterschutzstellung sollte anhand des amtlichen Denkmalverzeichnisses der Stadt Warburg überprüft werden.
Neue Nutzungsperspektiven für Villa und Park
Im August 2022 berichtete die Neue Westfälische über Pläne, die historische Villa und die Parkanlage wiederzubeleben.
Vorgesehen war unter anderem eine Nutzung im Zusammenhang mit betreutem Wohnen.
Solche Konzepte können dazu beitragen, historische Gebäude langfristig zu erhalten und ihnen eine zeitgemäße Aufgabe zu geben.
Ob und in welchem Umfang diese Pläne inzwischen umgesetzt wurden, ist noch zu überprüfen.
Für die Geschichte des Anwesens bleibt entscheidend, dass Gebäude und Park als zusammenhängendes historisches Ensemble betrachtet werden.
Zwei Rosskam-Villen – Zwei unterschiedliche Geschichten
Die beiden Villen der Familie Rosskam gehören zu den bedeutenden Zeugnissen der Scherfeder Industriegeschichte.
Die ältere Villa an der Briloner Straße 76 wurde um 1885 von Elias Rosskam errichtet. Sie wird seit 1964 als Kinderheim genutzt und beherbergt heute die Kindervilla Scherfede.
Die jüngere Villa an der Briloner Straße 102 entstand 1922 für seinen Sohn Albert Rosskam. Sie wurde später als Kur- und Therapieeinrichtung genutzt und insbesondere als Kuranstalt Dr. Siepmann bekannt.
Beide Gebäude zeigen, wie sich Scherfede durch die Industrialisierung veränderte.
Zugleich dokumentieren sie unterschiedliche Entwicklungen im Umgang mit historischen Wohnhäusern.
Ein besonderes Kapitel der Scherfeder Ortsgeschichte
Die Villa Albert Rosskam erzählt eine Geschichte, die weit über das Gebäude hinausgeht.
Sie erinnert an die wirtschaftliche Bedeutung der Wollfabrik, an den gesellschaftlichen Aufstieg einer Unternehmerfamilie und an die Architektur der 1920er-Jahre.
Mit der späteren Kuranstalt Dr. Siepmann wurde sie außerdem Teil der regionalen Gesundheitsgeschichte.
Der weitläufige Park und die erhaltene historische Bausubstanz machen das Anwesen zu einem besonderen Zeugnis der Scherfeder Vergangenheit.
Die Villa Rosskam verbindet Industriegeschichte, Baukultur und die Erinnerung an Scherfede als Standort einer Kneipp-Kuranstalt – und verdient deshalb einen festen Platz im Digitalen Dorfrundgang.
Historische Meilensteine
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1863 | Gründung der Scherfeder Wollfabrik durch Levi Rosskam und Friedrich Böhlen |
| 1872 | Geburt von Albert Rosskam |
| Um 1885 | Errichtung der älteren Villa Elias Rosskam an der Briloner Straße 76 |
| 1909 | Albert Rosskam übernimmt faktisch die alleinige Geschäftsführung der Wollfabrik |
| 1922 | Bau der neuen Villa an der Briloner Straße 102 nach Plänen von Fritz Fabian |
| 1930 | Tod von Albert Rosskam |
| Nach 1930 | Beginn der Nutzung des Anwesens für Kur- und Therapiezwecke |
| Anfang der 1950er-Jahre | Dr. Heinrich Siepmann eröffnet eine Kneipp-Kuranstalt |
| 1954 | Erweiterung des Gebäudes um zwei Fensterachsen |
| 1955 | Tod von Dr. Heinrich Siepmann |
| 09.03.2021 | Stadtrat beschließt die Einleitung eines Denkmalschutzverfahrens |
| 2022 | Berichte über Pläne zur Wiederbelebung der Villa und des Parks |
| Heute | Historisches Gebäude als Zeugnis der Industrie-, Architektur- und Kurgeschichte Scherfedes |
Weitere Informationen und Quellen
Villa Albert Rosskam – Baugeschichte und Architektur
Neue Westfälische: Denkmalschutz für zwei historische Fabrikantenvillen
Neue Westfälische: Ist auch der Garten der Scherfeder Villa denkmalwürdig?
Neue Westfälische: Investoren wollen Fabrikantenvilla und Park wiederbeleben
Villa Elias Rosskam – Heute Kindervilla Scherfede
Bilder
Ihr Dorfrundgang
Karte wird geladen …
Alle Stationen
Station 1: Das „Bürgermeisteramt“ – Scherfedes alter Dorfmittelpunkt
Station 2: Katholische Grundschule – Lernen seit Generationen
Station 3: Mehrzweckhalle und Musikhaus – Orte der Gemeinschaft
Station 4: St. Vincentius – Glaube, Kunst und Geschichte
Station 5: Kriegerdenkmal St. Michael – Erinnern und Mahnen
Station 6: Zehntscheune und St. Bernhard – Geschichte trifft Zukunft
Station 7: Jüdische Geschichte – Jüdischer Friedhof
Station 8: Bahnhof Scherfede – Tor zur großen weiten Welt
Station 9: Postamt
Station 10: Bankwesen in Scherfede – vom Sparbuch zum Online-Banking
Station 11: Hotel Gasthof Rose
Station 12: Marktplatz und Briloner Straße – Scherfedes Geschäftsmitte
Station 13: Historischer Waschplatz – als Waschen noch Handarbeit war
Station 14: Mönchhof – Scherfedes historischer Mittelpunkt
Station 15: Hotel Gasthof Luis – vormals Gasthof Knepper
Station 16: Von der Wollfabrik zu Lödige Industries
Station 17: Sportplatz an der Diemel – Heimat der Westfalia
Station 18: Die Diemel – historische Grenze zu Waldeck
Station 19: Villa Rosskam – Heute Kindervilla Scherfede
Sie sind hierStation 20: Villa Albert Rosskam – Vom Fabrikantenwohnsitz zum Kurhaus
Station 21: Jüdische Geschichte – Grab der Familie Rosskam