Lilli-Vorreuter-Platz: Scherfede setzt ein Zeichen der Erinnerung
Bezirksausschuss spricht sich für die Benennung des Platzes vor dem Dorftreff aus
Der Bezirksausschuss Scherfede hat sich in seiner Sitzung am 15. Oktober 2026 dafür ausgesprochen, den Platz vor dem Gebäude Briloner Straße 30 künftig „Lilli-Vorreuter-Platz“ zu nennen. Damit soll an eine gebürtige Scherfederin erinnert werden, deren Lebensgeschichte eng mit der Geschichte des jüdischen Lebens in Scherfede und der nationalsozialistischen Verfolgung verbunden ist.
Die Zukunftswerkstatt Scherfede begrüßt die Entscheidung. Sie hatte sich bereits zuvor ausdrücklich für eine dauerhafte Würdigung Lilli Vorreuters ausgesprochen.
Wichtig ist nun, dass die Erinnerung an Lilli Vorreuter, ihre Familie, das jüdische Leben in Scherfede und die Scherfeder Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung dauerhaft sichtbar bleibt.
Auch Westfalen-Blatt und Neue Westfälische haben über Lilli Vorreuter und die Diskussion um die Platzbenennung berichtet.
Eine Scherfeder Familiengeschichte
Lilli Vorreuter wurde am 23. Juli 1904 in Scherfede als Tochter des jüdischen Kaufmanns Max Vorreuter und seiner Frau Laura Vorreuter, geborene Hammerschlag, geboren.
Max Vorreuter hatte im Jahr 1900 das bereits 1863 in Scherfede gegründete Handelsgeschäft seines Schwiegervaters Moses Hammerschlag übernommen. Das Geschäft befand sich an der damaligen Anschrift Scherfede Nr. 60, heute Briloner Straße 43.
Über Jahrzehnte gehörte das Geschäft zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben des Dorfes. Die Familie Vorreuter war in Scherfede verwurzelt und Teil der Dorfgemeinschaft.
Eine erhaltene Meldekarte der Familie führt Max Vorreuter als Kaufmann und nennt unter den Familienangehörigen seine Kinder Kurt und Lilli. Sie gehört zugleich zu den Quellen, in denen der Vorname in der Schreibweise „Lilli“ erscheint.
Schützenkönigin im Jahr 1925
Ein bemerkenswertes Kapitel ihrer Scherfeder Lebensgeschichte ist für das Jahr 1925 überliefert.
Der damalige Scherfeder Schützenkönig Karl Greiff wählte Lilli Vorreuter zu seiner Königin.
Dass eine junge jüdische Frau im damals stark katholisch geprägten Scherfede diese herausgehobene gesellschaftliche Rolle einnahm, ist ein bedeutendes Zeugnis ihrer Einbindung in das damalige Dorfleben.
Die Erinnerung an Lilli Vorreuter als Schützenkönigin macht zugleich deutlich, dass jüdische Familien über Generationen zur Geschichte und Identität Scherfedes gehörten.
Ausgrenzung und Verfolgung
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 veränderten sich die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung grundlegend. Auch die Familie Vorreuter war von zunehmender Ausgrenzung und Verfolgung betroffen.
1936 zog Lilli Vorreuter nach Essen und lebte dort im Haushalt ihres Onkels, des aus Scherfede stammenden Arztes Dr. Louis Hammerschlag. Ihr Bruder Kurt Vorreuter verließ Deutschland und floh nach Kolumbien.
Mehr als 100 erhaltene Briefe aus dem Familiennachlass dokumentieren die zunehmende Ausgrenzung der jüdischen Familie. Viele dieser Schreiben stammen von Max Vorreuter und Hulda Goldstein aus Scherfede und schildern die Lebensverhältnisse aus Sicht der Betroffenen.
Die Briefe dokumentieren auch das gesetzlich erzwungene Ende der Geschäftstätigkeit der Familie Vorreuter. Familienangehörige mussten immer mehr Räume ihres Hauses aufgeben und schließlich das Gebäude vollständig verlassen.
Während der Novemberpogrome 1938 wurden auch in Scherfede jüdische Geschäfte und Wohnhäuser angegriffen. Zu den betroffenen Gebäuden gehörte das Haus der Familie Vorreuter.
Diese Ereignisse zeigen, wie aus Menschen, die über Jahrzehnte selbstverständlicher Teil der Dorfgemeinschaft gewesen waren, durch die nationalsozialistische Politik ausgegrenzte und verfolgte Bürgerinnen und Bürger wurden.
Erinnerung an alle jüdischen Menschen in Scherfede
Mit der Benennung des Platzes nach Lilli Vorreuter soll nicht nur an eine einzelne Persönlichkeit erinnert werden.
Die Geschichte der Familie Vorreuter steht beispielhaft für das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Scherfedes. Familien wie Vorreuter, Cohen, Lilienthal und Meyer-Rosskam waren über lange Zeit Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Die nationalsozialistische Verfolgung zerstörte dieses Zusammenleben. Menschen wurden entrechtet, aus ihrer Heimat vertrieben, deportiert und ermordet.
Die Erinnerung an Lilli Vorreuter ist deshalb zugleich eine Erinnerung an alle jüdischen Menschen, die einst in Scherfede lebten, und an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Lilli oder Lilly? Die Schreibweise des Vornamens
Bei der historischen Aufarbeitung fällt eine unterschiedliche Schreibweise des Vornamens auf.
Während Scherfeder Unterlagen die Schreibweise „Lilli“ enthalten, wird der Vorname in Essener Erinnerungsquellen und im Zusammenhang mit den dortigen Stolpersteinen auch als „Lilly“ wiedergegeben.
Da es sich um dieselbe Person handelt, sollte die unterschiedliche Schreibweise anhand der historischen Quellen gemeinsam überprüft und nach Möglichkeit vereinheitlicht werden.
Die Zukunftswerkstatt Scherfede hat diese Frage bereits aufgegriffen und setzt sich für eine Abstimmung mit den zuständigen Stellen ein.
Unabhängig von der Schreibweise bleibt entscheidend, dass die Lebensgeschichte dieser Scherfeder Bürgerin nicht in Vergessenheit gerät.
Ein Erinnerungsort mitten im Dorf
Der Platz vor dem heutigen Dorftreff an der Briloner Straße 30 ist ein zentraler Begegnungsort in Scherfede.
Das Gebäude selbst hat eine lange Geschichte. Es diente unter anderem als Schule, Verwaltungsstandort, Poststelle und Bücherei. Seit 2024 steht es als Dorftreff wieder für das gemeinschaftliche Leben im Ort zur Verfügung.
Mit dem Namen „Lilli-Vorreuter-Platz“ würde dieser Ort eine zusätzliche Bedeutung erhalten: als sichtbares Zeichen der Erinnerung und als Anstoß, sich mit der Geschichte Scherfedes auseinanderzusetzen.
Für die Zukunftswerkstatt Scherfede ist dabei besonders wichtig, dass die Erinnerung nicht bei einem Straßenschild oder einer Platzbezeichnung stehen bleibt.
Einbindung in den Digitalen Dorfrundgang
Auch im Digitalen Dorfrundgang Scherfede soll die Geschichte von Lilli Vorreuter und ihrer Familie einen festen Platz erhalten.
Historische Dokumente, Fotografien und persönliche Lebensgeschichten können dabei helfen, die Geschichte des jüdischen Lebens in Scherfede anschaulich und für kommende Generationen zugänglich zu machen.
Die Verbindung zwischen dem geplanten Lilli-Vorreuter-Platz, dem jüdischen Friedhof und weiteren historischen Orten bietet die Möglichkeit, ein wichtiges Kapitel der Scherfeder Geschichte sichtbar zu machen.
Dabei geht es nicht allein um die Verfolgung während der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern ebenso um das Leben der jüdischen Familien zuvor: ihre Geschäfte, ihre gesellschaftliche Rolle und ihren Beitrag zur Entwicklung des Dorfes.
Erinnerung bewahren – Verantwortung übernehmen
Die Entscheidung des Bezirksausschusses ist ein wichtiger Schritt hin zu einem dauerhaften Erinnerungsort.
Sie macht deutlich, dass die Geschichte Scherfedes auch die Geschichte seiner jüdischen Bürgerinnen und Bürger umfasst.
Ein Lilli-Vorreuter-Platz wäre deshalb mehr als eine neue Ortsbezeichnung. Er wäre ein Zeichen dafür, dass Scherfede seine Geschichte bewahrt, an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnert und Verantwortung für eine lebendige Erinnerungskultur übernimmt.
Weiterführende Informationen
- Neue Westfälische: Platz-Umbenennung in Warburg – Erinnerung an Scherfedes einzige jüdische Schützenkönigin
- Neue Westfälische: Warburger Ortschaft schafft Erinnerung an eine jüdische Schützenkönigin
- Dorfchronik Scherfede
- Historische Kommission für Westfalen: Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Warburg-Rimbeck und Scherfede